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Montag, 19. November 2012

Verheiratet im Olympiadorf - Südrussland 3

Ich bin wieder zu Hause! Im russischen zu Hause, Novgorod.

In Anapa waren wir wieder einmal in einer Universität und auf einem Spaziergang durch die Stadt, wobei wir netterweise im Museum jeden einzelnen Stein erklärt bekamen - mit zunehmender Motivation versteht sich. Gewohnt habe ich übrigens in einem Hotel, das meiner Gastfamilie gehörte, nur war ich dort ganz allein, weil die Saison längst vorbei ist. Ein komisches Gefühl. Dank Chia Chien aus Taiwan kann ich jetzt aber Mah-Jongg spielen.


Dann gings wieder nach Krasnodar, der Hauptstadt der riesigen Region Krasnodarski Krai. Meine Gastfamilie dort war super und auf dem Programm standen mal wieder eine Stadtbesichtigung mit Museum, aber dafür gab es auch die Möglichkeit in die Redaktion einer Zeitung zu schauen oder in die Küche eines Restaurants, wo wir gelernt haben Blini in der Pfanne zu werfen (mit unterschiedlichem Erfolg und einer Menge Blini auf der Herdplatte).

Krasnodar

Spaß und Freude beim russisch Tanzen und Musizieren



Und dann mein persönlicher Höhepunkt... Ich wurde verheiratet.
Das ganze ging ganz harmlos los bei einem Treffen des Klubs für interkulturellen Austausch. Dort hat irgendwie eine Gruppe ihre Kostüme vorgeführt, naja und später wollten sie einen der Austauschschüler auf die Bühne. Ich wollte erst nicht, hab dann aber gedacht "so schlimm wirds nicht sein", in der Annahme, nur eineт der nach alten Jutesäcke anziehen zu müssen. So nahm das Unheil seinen Lauf, dass in einer 30minütigen Hochzeitszeremonie aus dem 13. Jahrhundert endete, und ich mittendrin, eingehüllt in ein Leinenhemd und einen bleischweren Osmanen-Mantel, unterdem es so heiß war, wie in der russischen Sauna. Mit entsprechend viel Spaß musste ich dann an Tanz und Tralala teilnehmen, während die anderen Austauschschüler munter fotografiert haben.

Es gibt aber hier im Blog aus Rache nur ein Foto.
...

Danach ging es nach Sotchi, nachts 8 Stunden im Bus mit betrunken Fussballfans. Ein Heidenspaß, deshalb mussten wir auch alle erstmal schlafen, als wir ankamen. Ich habe mit Lisa und Taylor in einer armenischen Familie gewohnt. Dort tauchten zwar die ganze Zeit neue Familienmitglieder auf, aber irgendwie haben alle ins Haus gepasst. Wir mussten nur unheimlich viel essen...
Dann fuhren wir an die Plätze, wo die olympischen Winterspiele 2014 stattfinden sollen und schauten uns die Baustellen an, was eigentlich ganz interessant war.
Olympische Winterspiele 2014 - hier in Sotchi

Kleines Fotorätsel: Ist das Russland?




Am nächsten Tag ging es dann noch mal wieder in eine Schule, allerdings waren wir nach 2 Wochen herumfahren und Familien wechseln und beim 6. Mal in einer Uni/Schule nicht mehr ganz so frisch dabei, da war der Unterricht in russischer Literatur nicht gerade spannend. Ausgerechnet bei diesem Mal wurden wir natürlich gefilmt und ins Fernsehen gebracht. Das kann man auch im Internet sehen, aber aus gewissen Gründen werde ich das hier nicht verlinken ;DD

Danach ging es auch wieder nach Hause mit dem Flugzeug, der Flug war länger als meine Anreise aus Deutschland.. ein echt riesiges Land.

schöne zwei Wochen mit euch - danke (:

Russisches Wort des Tages:

свадьба - Hochzeit

From Russia with Love,

Heinrich 


Montag, 12. November 2012

zu viert in ner Einzimmerwohnung - unterwegs in Familien Südrusslands




mein nächster Bericht aus Südrussland! Das Internet war die letzten Tage nicht so genial, deshalb kommt der erst jetzt. Das Camp ging noch 2 Tage weiter, mit Englischstunden, Master Classes in Singen, Theater und schnellem Lesen, mit Präsentationen, Shows, naja und neuen Freunden. Leider konntest du dir nicht immer aussuchen wer jetzt dein Freund wird, denn so ein paar Leute haben das kurzerhand selbst entschieden und dich stundenlang belagert.
Tim und ich haben aber einen Beitrag zum russisch-deutschen Kulturaustausch geleistet, in dem wir dem Camp das Fliegerlied + Choreografie beibrachten. Außerdem haben wir durchgesetzt, dass sich „Moskau, Moskau“ von Dschingis Khan in der Musikauswahl für den Abend befand. In Russland muss das einfach mal sein. Außerdem waren dort in Tuapse 16-18°C und Sonnenschein, das Überall-Kälte-Vorurteil Russlands ist damit widerlegt.

 Der Schwarzmeerstrand eingenommen von Austauschschülern


Danach ging es nach Novorossisk, einer russischen Industriestadt (schöner, als diese Beschreibung vermuten lässt), was allerdings sehr abenteuerlich war, denn man hatte uns zwar in einen Bus verfrachtet, uns allerdings nicht gesagt wo wir aussteigen sollten, ganz nach russischem Stil. Wir kamen aber doch gut an, es gab Essen und dann hatten wir eine Stadtführung, nun allerdings – auf Russisch. Naja, nach 2 Monaten in Russland ist unser aller Russisch ja noch etwas mäßig, und ich wurde ausgewählt dann für die Gruppe auf Englisch zu übersetzen, auch im Museum und bei einer Schiffsbesichtigung. Das war hart. Echt hart, im Kopf von Russisch auf Deutsch im Kopf und dann auf Englisch. 


 Sehenswertes in Novorossisk
 Heldenstadt Novorossisk (sowjetischer Titel) bei Nacht


Gewohnt haben wir in Gastfamilien, Ich bei einer Studentin und ihren Eltern. Nun ja, das war eine sehr neue Erfahrung für mich, denn die Einzimmerwohnung hatte ungefähr die Größe meines Wohnzimmers zu Hause, für 4 Personen, die Eltern haben in der Küche geschlafen, (der Kühlschrank stand übrigens auf dem Flur) und ich mit Alexandra im Wohnzimmer. Aber geschlafen haben wir eh nicht viel, abends ging’s noch mal mit Tims und seiner  Gastschwester (ebenfalls Studentin) auf einen nen Berg in der Umgebung, von dem man die Stadt bei Nacht echt gut sehen konnte.
Am nächsten Tag waren wir Austauschschüler in der Uni von den beiden, dort haben wir uns vorgestellt und Fragen der Studenten beantwortet, was echt nett war, denn die Studenten waren gut drauf. Danach gings noch mal auf Stadtrundfahrt und abends Bowlen mit meiner Gastschwester und Tim und so weiter. Mit denen hat es unheimlich viel spaß gemacht ;D


 mit Tims und meiner Gastschwester 

 Studenten in Novorossisk

 Am nächsten Tag haben wir bei beißender Kälte mit eisigem Enthusiasmus 5 Bäume gepflanzt und sind dann weiter nach Anapa gefahren, wo wir in einen Delfinarium die Show angeschaut haben. Man kann davon halten was man will (ökotechnisch und so), aber gesehen hatte ich sowas noch nie vorher.
 Spaß und Freude am Subbotnik




Viel zu sehen und viel zu erleben. Über die nächsten Tage werde ich auch wieder berichten (:


Russisches Wort des Tages:

кватира - wohnung

From (South-)Russia with Love,


Heinrich


Montag, 5. November 2012

Asia-fashion in Südrussland

und da bin ich wieder ;D

Und zwar im Süden!
Aber erstmal von Anfang an: Am Mittwoch war wie gesagt men Geburtstag und ich hab den hier sehr schön mit meinen russischen Freunden verbracht, und auch hier nochmal danke für die ganzen Glückwünsche!
Sogar der Postfrau konnte ich letzendlich noch meine Pakete aus dem Kreuz leiern.

Mit 17 Jahren geht mein Austauschjahr jetzt weiter. Und dass sehr ereignisreich. Am Freitag sind Taylor und ich zu unserer Südrusslandreise aufgebrochen. Am Flughafen haben wir natürlich als erstes auf der Anzeigetafel gelesen, dass unser Flug ausfällt und waren eigentlich direkt am überlegen wie wir zurückkommen, als wir rausbekommen haben, dass er nur Verspätung hat. Also mal wieder warten, aber wie gesagt, dass lernt man hier in Russland.
Geflogen sind wir mit Kuban Airlines (nein, das hat nichts mit Kuba zu tun), einer russischen Airline, von der ich noch nie vorher gehört hatte. Ich hatte ja gehofft, deshalb mal mit nem russischen Flugzeug zu fliegen, ner Tupolew oder ner Antonow, aber leider hat man uns in einen ausrangierten Easyjet-Airbus verfrachtet, der hoffnungslos überheizt war. Mit Russen zu fliegen ist ein interessantes Erlebnis, vorallem weil sie sofort nach der Landung allen Familienmitgliedern telefonisch berichten müssen, dass sie gut angekommen sind. Die ersten fangen damit schon an, wenn das Flugzeug noch nichtmal ganz auf dem Boden aufgesetzt hat..

Dafür ist es hier aber sehr schön warm, die 16°C sind für mich nach dem Schnee fast schon tropisch und die Sonne scheint fast immerzu. Die Nacht zu Samstag habe ich in einer sehr netten Gastfamilie verbracht und gestern ging es in das "internationale Jugendcamp", das aus 60 russischen Kindern (8-15 Jahre) und uns handvoll Austauschschüler besteht. Für die Kinder ist das eigentlich ein Camp zum Englisch lernen. Naja, mit dem Englisch ist es hier nicht so weit her.


 unverkennbar: ich bin ein Samurai

Hier gibt es Spiele, Kurse, Präsentationen, Gruppenarbeit, alles eigentlich, oben sieht man Bilder vom Asia-Fashion Abend. Zu Asien passt auch das unangefochtene Lieblinslied hier: Gangnam Style.

Wir werden hier immer mit "unsere ausländischen Freunde" angekündigt und sind für die Kinder eine Attraktion, die dann ihre Englischkenntnisse an uns ausprobieren. Ich glaub, ich musste auch mit jedem Kind schon ein Foto machen (ehrlich gesagt haben die soviele Fotos gemacht, dass es eigentlich keinen Schritt von mit gibt, der nicht fotografisch dokumentiert wurde)
Aber alle sind sehr herzlich!

Berichte folgen!

Russisches Wort des Tages:

команда - Team, Mannschaft


From Russia with Love,

Heinrich

Dienstag, 30. Oktober 2012

FINNLAND!

Egal was ist, eins lernt man in Russland ganz ganz sicher... Warten.
Sei es an der Grenze, oder wie heute bei dem 2 1/2-stündigen Versuch (Versuch!), mein Visum erneut zu registrieren, nachdem wir ja gestern aus Finnland wieder zurück nach Russland eingereist sind und das dadurch wieder notwendig ist. Mittlerweile hab ich das Gefühl, dass kein Beamter mehr bei den ganzen Zetteln und Prozeduren durchsieht, die für das alles nötig sind.
Beim Bearbeiten des ganzen Zeuges stellen sie sich an wie Leute, die ausversehen ihr Handy auf Japanisch gestellt haben und nicht mehr wissen wie man da nun wieder herauskommt; am Ende kommt dann aber nichts richtig bei raus.
Dann heißt es warten, warten und warten...
Übrigens ist der Zeitunterschied zwischen Russland und Deutschland jetzt 3 Stunden, denn die Winterzeit wurde in Russland vor ein oder zwei Jahren kurzerhand abgeschafft.

Jedenfalls waren wir aber von Freitag bis Montag in Finnland, wobei man aber sagen muss, dass wir zwei Tage eigentlich nur im Auto saßen. Wir wären fast nicht gefahren, weil es plötzlich geschneit hat und dadurch die ohnehin schon schlechten russischen Straßen noch gefährlicher wurden (auf der Straße konnte man mehrere Unfälle sehen)





Schnee in Novgorod

Finnland ist aber wirklich sehr schön und so auch die Hauptstadt, Helsinki. Schöne Straßen, eine gelungene Mischung aus alt und neu, Kirchen und Kaufhäusern. In letzteren waren wir an diesem Wochenende hauptsächlich, denn die Russen zieht am meisten die große, europäische Auswahl an Geschäften in Finnland an. Dafür ist alles aber ziemlich teuer (3 Postkarten + Marken über 5€, eine Kugel Eis 2,50€). Dafür gab's dort aber die grandiosen skandinavischen Süßigkeiten und sonstiges. Das Wetter war durchweg super, wenn auch die Temperaturen um die -3 Grad nicht gerade tropisch waren. 


Hier noch ein paar Bilder:




















Hier in meiner Schule sind diese Woche Ferien, aber für mich ist die Woche ziemlich kurz und vollgepackt, morgen mein Geburtstag und Freitag geht es schon für 2 Wochen ans schwarze Meer auf die Rotary-Tour. Ich werde meinen Computer mitnehmen und versuchen zwischenzeitlich mal zu bloggen (:


Russisches Wort des Tages

снег  - Schnee

From Russia with Love,

Heinrich

Donnerstag, 25. Oktober 2012

was hat Alexander mit Sascha gemeinsam? russische Namen

Und schon wieder ist ein Monat vergangen. Und dazu noch unheimlich schnell!

Heute hatte ich meine letzte Russisch-Einzelstunde, ab jetzt geht's als (fast) normaler russischer Schüler weiter. Da passt ganz gut, dass erstmal Ferien sind, mein Geburtstag und dann 2 Wochen die Rotary-Tour nach Südrussland. Das ist ein Leben als Austauschschüler! ;D
Am Wochenende gehts aber erstmal, zusammen mit Taylor und ihrer Gastfamilie, nach Finnland. Wir sind hier ja relativ nah an der Grenze (wie eigentlich alles westlich vom Ural), deshalb bietet sich das an. Soweit ich das verstanden habe, geht's nach Helsinki. Natürlich werde ich fotografieren und erzählen.

An dieser Stelle möchte ich mal die 1-Mann-Occupy-Bewegung vor der Bank vor meinem Haus würdigen, an der ich jeden Tag vorbei gehe. Laut Mascha bekommt der Mann wohl irgendwelche Dokumente nicht von der Bank und daher hat er sich ein kleines Schildchen gebastelt und protestiert...




Vielleicht mal wieder ein bisschen aus der Schule; der Unterricht dauert hier immer 40 Minuten und danach sind meist 20 Minuten Pause. Dafür gibt's aber keine lange Mittagspause, wäre aber auch unnötig, denn so spannend ist das Essen in der Cafeteria auch nicht. Eigentlich belegt man von der 1. bis zur 11. Klasse alle Fächer, nachher kann man aber sein persönliches "Profil" wählen, und dann hat man zum Beispiel 6(!) Stunden Sozialkunde die Woche (+2h "Recht"). Am Ende der 11. Klasse hat man dann ein staatliches Examen, also vergleichbar mit Abitur. Um Unterricht ist die Atmosphäre meiner Meinung nach irgendwie entspannter, das genialste finde ich ja, dass man bei "dringenden" Anrufen auch mal zur Telefonpause raus gehen kann. Die Lehrer spricht man, wie auch Kollegen oder entferntere Bekannte mit Vor- und Vatersnamen an. Damit gleich zu einer anderen russischen koplizierten Angelegenheit: den Namen.

Der vollständige Name besteht aus Vor-, Vaters- und Nachname. (Russisch: Ф.И.О.)

Der Vatersname/Patronym (auf russisch отчество) besteht, logischerweise, aus dem Namen des Vaters und der Endung -witsch (männl.) oder -owna (weibl.)

Der Sohn von Igor ist dann als Igorewitsch, die Tochter von Alexander heißt Alexandrowna.

Fast alle Vornamen haben eine Lang- und Kurzform(bzw. Verniedlichung);

Maria - Mascha
Anastasia - Nastja
Alexander - Sascha
Natalie - Natascha
Dmitri - Dima

Jeder Sascha ist also eigentlich ein Alexander (und hört auch auf beide Namen).


Beispiele: Dmitri (Dima) Igorewitsch Romantov
                 Ekaterina (Katja) Nikolajewna Patriskin


Wie schon gesagt, auf der Arbeit oder in der Schule spricht man sich mit Vornamen und Patronym an, "Herr" (господин/ Gaspadin) und "Frau" (госпожа/Gaspascha), sagt man nur im sehr offiziellen oder geschäftlichen Umfeld.
Natürlich werden alle russischen (und ausländischen, die in das Schema passen) Namen dekliniert. Wie, interessiert sicher keinen. Mein Vorname jedenfalls wäre:

Генрих
Генриха
Генриху
Генриха
Генрихом
Генрихе

Ja, schon nicht so einfach.

Bis nächste Woche, da ich bis Montag in Finnland bin!




Russisches Wort des Tages:

путешествовать - reisen

From Russia with Love,

Heinrich

Sonntag, 21. Oktober 2012

Bürokratie im Oktoberregen

Regen, Regen, Regen...

Ich hab das Gefühl, seit 3 Tagen regnet es durchgängig, und im Wetterbericht wurde angekündigt, dass es in ein paar Tagen durchaus schneien soll. Schnee - im Oktober! Na, wir werden sehen.

Letzten Donnerstag hatte der Bruder von Alyona Geburstag, und ich habe ja schon einmal erzählt, wie sowas abläuft, die ganze Familie kommt zusammen, es wird gegessen und erzählt. Danach spielen alle zusammen, beliebtestes Spiel hier ist Mafia (in Deutschland "Werwolf"). Ich finde es grandios, dass wirklich alle mitmachen, ob jung oder alt und deine Russischlehrerin mit dir Twister spielen möchte.

Beim Erzählen ging es dann auch um deutsche Wörter, die jeder so kennt, neben "Hallo", "Auf Wiedersehen", den Zahlen, etc. fand ich folgendes am besten: "ich kann: ja, nein und... Hände hoch!". Ich frage mich, in welcher Situation man das so braucht... ;D

Vom Freiwilligenclub hatte ich ja schon erzählt, unter anderem veranstalten die auch Flashmobs (wer nicht weiß was das ist:  Erklärung)


Hier mal ein Video davon. Ist viellecht nicht so interessant, aber am Anfang sieht man ein bisschen was von Novgorod, deshalb schaut mal kurz rein.

Hier geht man auch spazieren wenns draußen bitterkalt ist...


Ich hab jetzt auch mein neues Visum für 8 Monate, welches allerdings eher aussieht, wie ein Auszug aus einer Verbrecherkartei von der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein grünes Blatt, mit Schreibmaschine bedruckt und mit mit bestempelten, eingeklebten Fotos von mir.
Natürlich waren hierfür auch wieder tausende Zettel nötig, Kopien hiervon, Formulare davon und man muss mit grimmigen Beamtinnen verhandeln. Eine schöne Bechreibun und Erklärung für den bürokratischen Irrsinn in Russland (bzw. damals Sowjetunion) gibt es übrigens in meinen Buch über Russland "Reisen in ein unbekanntes Land":


[...] Neben Adam regten sich viele meiner westeuropäischen Freunde oftmals und heftig über die Umständlichkeit der Sowjetmenschen auf. Es fiel dann meistens das ungute Wort, alles sei eben hier überbürokratisiert. Sie sahen hinter all dieser Schwerfälligkeit einen geheimnisvollen und manchmal auch bösartigen Apparat. Warum man aber gerade der Sowjetunion ihre "Bürokratisierung" so übel nimmt, warum gerade unsere Europäer diese Erscheinung mit so feindlicher Herabminderung betrachten, das scheint keineswegs an dieser Bürokratie zu liegen. Ich glaube es hat einen ganz anderen Grund. Jedes Land auf der Welt wird schließlich mehr oder weniger bürokratisch verwaltet. Die Sowjetunion macht hier also keine Ausnahme.
Mir sagte im tiefsten Frieden mal ein Russe "Ihr Deutsche habt tüchtige Leute, wir Russen haben nur Menschen." Ich habe in der Sowjetunion sehr oft an diesen Ausspruch denken müssen und insbesondere dann, wenn uns irgendetwas bürokratisches auffiel. Dabei machte ich eine eigenartige Entdeckung, nämlich die, wie unbeschreiblich fremd, wie völlig ungewohnt den dortigen Menschen die Bürokratie an sich war, wie geradezu hilflos sie allem mechanisch Administrativen, jeder sogenannten "preußischen Ordnung" gegenüber waren. Man hatte ihnen damit etwas beigebracht, das sie schrecklich verwirrte. Sie konnten sich einfach nicht darein finden. Sie waren unsicher geworden, hatten die Initiative und den richtigen Blick verloren, weil sie mit derartih verzwickten Instanzenwegen und Anordnungen niemals zurechtkamen, und dadurch - teils aus Angst, etwas falsch zu machen, teils aus einem kindlichen Respekt vor diesem geheimnisvoll Neuen - erst recht alles komplizierten. Aufrichtig gesagt, mich belustigte das meistens, denn nicht nur diejenigen, welche sich nach der Bürokratie und ihren Maßnahmen richten sollten, nein, auch jene, die sie ausübten, schienen absolut nicht zu wissen, was man damit anfängt, wie man Diesbezügliches durchzuführen habe. Und ich frage mich nicht nur einmal, nein hundertmal, wer es denn nun bei alledem schlechter habe: Die Menschen oder die Bürokraten? [...]

aus: Reisen durch ein unbekanntes Land, Bastei-Lübbe, 1987. Auszug aus der Geschichte: Oskar Maria Graf: Vom großen Gorki und von der kleinen Bürokratie. Seite 124-25.

Genau so seh ich das auch; ich glaube nichtmal die ganzen Beamten selber können erklären wozu man alle tausend Stempel braucht.

Russisches Wort des Tages:

идёт дождь - es regnet


From Russia with Love,

Heinrich

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Verloren im russischen Bankensystem

Привет!

Da bin ich mal wieder, zusammen mit dem Anfang einer ziemlich vollgepackten Woche.

Gestern war ich im Jugend-Freiwilligen-Verein (eigene Übersetzung). Eine Lehrerin aus meiner Schule hat das vorgeschlagen, und da ich ja immer weiter Leute kennenlernen will, bin ich natürlich hingefahren. Die Leute dort waren echt unheimlich nett und offen. Auf dem Treffen haben wir aber eigentlich nur irgendwelche Kennlernspiele gemacht, eigentlich hasse ich diese Spiele ja absolut, aber was macht man nicht alles um in Kontakt zu kommen. Ich hab echt viel erfahren, nur nicht, was der Freiwilligen-Klub eigentlich so richtig macht.
Aber das wird man ja sehen.

Wie die Meisten wissen, ist meine Austauschorganisation ja Rotary Youth Exchange, und die bieten unter anderem auch Reisen an, weshalb ich Anfang November für 2 Wochen ans schwarze Meer fahre. Für die Flüge dorthin (für mich und für Taylor) wollte ich heute bezahlen - das war eine Tortur. 3 Stunden habe ich in der Bank gebraucht, bis es endlich geklappt hat. Tausend Formulare ausfüllen, dann funktioniert die Karte nicht, dann muss der Direktor gerufen werden,  der Pass registriert werden, dann wollten sie erst keine Karte nehmen die auf ein Euro-Konto geht (leider habe ich aber nur wenige Konten, dir in russischen Rubeln geführt werden), dann funktioniert die Karte nicht. Jedenfalls musste ich erstmal wieder zurück, nach Deutschland telefonieren, die Kartendaten ändern, dann wieder zur Bank fahren und siehe da - es funktionierte immernoch nicht.

Deshalb habe ich kurzerhand das Geld am Automaten gezogen und dann in der Kasse wieder eingezahlt. (Ein exemplarisches Beispiel für russischen Irrsinn - man holt Geld von der Bank um es in derselben gleich wieder einzuzahlen) Man kann sich sicher vorstellen, dass das eine ganze Menge Banknoten war, der Preis für 4 Flüge mal 40 (1€ = 40 Rubel).  In kleinen Scheinen. Da habe ich mich wirklich für 5 Minuten mal reich gefühlt bei den ganzen Nullen.

Tausend Zettel zum Bezahlen. Natürlich darf auch der obligatorische Stempel nirgends fehlen.


Mein Russisch ist langsam echt gut, jedenfall mein Umgangsrussisch. Meinen Freunden kann ich schon erklären, was ich so erzählen will. Aber meine Russischlehrerin möchte, dass ich die Sprache von Tolstoi, Dostojewky und Gorki kennenlerne. Na denn.
Ein guter Anfang ist da natürlich das literarische Meisterstück in meinem Russischbuch:
"Wie der Komsomol in Kasachstan eine Stadt baut"
(Komsomol= ehemalige russische Jugend/Jungerwachsenen-Organisation in der Sowjetunion)

Texte übersetzen: ein Heidenspaß; hier über einen kunstliebhabenden Ingenieurs-Student

Russisches Wort des Tages:

денгы - Geld

From Russia with Love,

Heinrich